Die Wismut


Insgesamt 220.000 Tonnen Uran förderten etwa 500 000 Kumpel der Wismut von 1946 bis zu ihrer Auflösung zum Jahresende 1991. Wie viele Kumpel in Folge ihrer Tätigkeit erkrankten oder starben, wurde von den zuständigen Behörden schon in der DDR und auch heute wieder mit einem Tabu belegt. Das Wismut-Fördergebiet umfasste hauptsächlich das östliche Thüringen (u.a. Ronneburg), das westliche Erzgebirge (u.a. Aue, Schlema, Schneeberg) und Ostsachsen (u.a.Königsstein).

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6 Milliarden Euro werden in die Sanierung der verstrahlten Uranbergbaugebiete der WISMUT in der ehemaligen DDR gesteckt. Die Bergbau-Berufsgenossenschaft  Gera zahlt jährlich ca. 25 Millionen Euro für Renten aus Berufskrankheiten.  Für die übrigen Wismut-Strahlenopfer wird nichts getan. Keine unabhängige Organisation oder Beratungsstelle kümmerte sich bislang um sie. Nun stellt das Staatsunternehmen Wismut viele seiner Arbeiter auch noch vor die Wahl: entweder sie akzeptieren eine Strahlenbelastung die weit über dem Grenzwert liegt, oder sie werden entlassen. (Frontal21-Redakteur Hans Koberstein berichtete in einem Beitrag über die Strahlenkumpel der Wismut im ZDF)

17 Jahre  nach der Einheit gilt noch der DDR-Strahlenschutz für die Wismut. Die Bundesregierung hat mit der seit dem 1.August 2001 geltenden neuen Strahlenschutzverordnung beschlossen, die für die ehemaligen Wismut-Gebiete einen höheren Grenzwert der Belastung für die Beschäftigten der Wismut als im übrigen Bundesgebiet vorsieht. Eine kommentierende Dokumentation schrieb Dr. Sebastian Pflugbeil in der Ausgabe des Strahlentelex vom 7. März 2002, siehe http://www.strahlentelex.de/

Unser Problem

Das Problem für uns ehemalige Beschäftigte der Wismut beginnt mit einer Krebserkrankung. Viele ehemalige Beschäftigte der Wismut führen ihre Krebserkrankung i.d.R. nicht auf ihre frühere Tätigkeit bei der Wismut zurück. Die Zeit von der Schädigung bis zum Ausbruch der Erkrankung kann mehrere Jahre betragen.

Hat man die Krebserkrankung überlebt und ist erwerbsunfähig, stellt sich die Frage nach der gesetzlichen Unfallrente. Zuständig sind die Berufsgenossenschaften. Diese werden den Antrag auf Anerkennung der Erkrankung als Berufserkrankung mit der Begründung ablehnen, es bestehe kein Zusammenhang zwischen der Tätigkeit bei der Wismut und der Erkrankung. Meist stellt man aber den Antrag auf Anerkennung nach Hinweisen der behandelnden Ärzte, die i.d.R. auch eine Meldung an die zuständige Berufsgenossenschaft schreibt. Ein Betroffener kann aber auch selber einen formlosen Antrag stellen.

Beim Anerkennungsverfahren zeigt sich dann das ganze Dilemma der Anerkennungspraxis auf. Auf der einen Seite gibt es Gesetze zur Anerkennung, andererseits tobt ein "Kampf der Gutachter" über die Gefährlichkeit radioaktiver Stoffe (wie Radon/Uran) auf den menschlichen Körper.

Da muß das Jacobi I/II-Gutachten (Rechenmodelle -Dosis-Wirkungsbeziehungen für verschiedene strahlenbedingte bösartige Erkrankungen, die bei den Atombombenüberlebenden von Hiroshima und Nagasaki beobachtet worden sind) für die Harmlosigkeit der Arbeit unter Tage herhalten. Diese Studie, auf die sich die Bergbau Berufsgenossenschaft in vielen Fällen beruft, wird selbst in einer Stellungnahme zur Anwendbarkeit der o.g. Jacobi-Studien vom Hauptverband der Berufsgenossenschaften (siehe Berufskrankheiten -Forum vom 12.02.98 in Hennef) relativiert und zum Teil als unanwendbar beurteilt.

Unter der Überschrift: "50 000 Wismut-Kumpel wollen Arzt aufsuchen. Noch 1994 soll Kehlkopfkrebs als Berufskrankheit anerkannt werden." veröffentlichte die "Ostthüringer Zeitung" vom 23.07.94 einen Beitrag von Dr. J. Breuer vom Hauptverband der Berufsgenossenschaften - Sankt Augustin. "Hunderte Uranbergmänner erkranken jährlich an Krebs. Über 600 Wismut-Kumpel führen ihren Hoden-, Blut-, Kehlkopf-, Nieren- oder Darmkrebs auf die Arbeit unter Tage zurück. Die Untersuchungen und Wismut-Akten aus Moskau erhärten die These, daß nicht nur Lungenkrebs "bergmannstypisch" ist, sondern auch eine Reihe von anderen bösartigen Neubildungen. In diesem Sinne könnten Krebsleiden im Kehlkopf und im HNO-Bereich noch 1994 anerkannt werden." Dies ist bis zum heutigen Tag nicht geschehen.

Das Öko-Institut Darmstadt schreibt in einer Stellungnahme vom 21.10.96 u.a.: "Das Kriterium bei der Anerkennung basiert letztlich auf der willkürlich getroffenen Entscheidung, die vorhandenen Datensätze der SDAG Wismut zur Abschätzung der individuellen Strahlenbelastung zu verwenden und oberhalb eines bestimmten Rechenwertes anzuerkennen. Eine andere Lösung für dieses Unsicherheitsproblem wäre beispielsweise gewesen, bestimmte Erkrankungsarten generell und unabhängig von Meß- und Schätzwerten als berufsbedingt anzuerkennen. In Anbetracht der Unsicherheiten bei der Abschätzung der individuellen Belastungen wäre dies der sicherlich einfachste Weg gewesen. (Bsp.: die Uranarbeiter und "downwinder" von Atomwaffentest in den USA) Man hat diesen Weg bedauerlicherweise nicht gewählt; möglicherweise hat hier der finanzielle Aspekt eine wichtige Rolle gespielt."

Im Auftrag der Berufsgenossenschaften und des Bundesamtes für Strahlenschutz werden seit Jahren Studien bezahlt und durchgeführt, die bis zum heutigen Tage nur den betroffenen Wissenschaftlern von Nutzen zu sein scheinen.


Detaillierte Informationen zur Antragstellung auf Anerkennung einer Berufskrankheit hier


SpitzkegelhaldenSpitzkegelhalden Schacht Reust (Foto Löffler)

Mit den Wismut-Pyramiden schwindet der Hinweis auf deutschen Uran-Abbau

Von Arno Schütze, dpa

Ronneburg (dpa) - Jetzt verschwinden auch die Pyramiden. Noch kitzeln die Spitzen der vier 100 Meter hohen, Birken bewachsenen Steinhügel bei trübem Wetter die Wolken. Sie zeigen Heimkehrern schon von weitem, dass sie fast am Ziel sind. Doch jetzt kommen die Bagger in den Osten Thüringens. Ein Jahr lang wird das Geröll Lkw-Ladung für Lkw-Ladung in ein nahe gelegenes Loch gefahren. Dann ist alles wieder leicht hügelig wie sonst auch. Bald werden nur Gedenktafeln und restaurierte Fördertürme an ein Stück deutscher Industriegeschichte erinnern: 40 Jahre lang hatten insgesamt eine halbe Million Beschäftigte der Wismut in Sachsen und Thüringen Uran abgebaut.

Wer Fantasie hat, glaubt, in der Pyramiden-Landschaft bei Ronneburg zwei liegende Frauen zu erkennen, die ihre Brüste in den Himmel recken. Doch der Uranabbau ist ein Tod bringendes Ungeheuer, das knapp 60 Jahre nach seiner Erweckung wieder in den Boden verbannt wird. Es machte Tausende Kumpel krank und lauert für Jahrhunderte mit seinen strahlenden Giften. Um die Gefahr zu minimieren, investiert der Bund 6,2 Milliarden Euro. Nach 13 Jahren Sanierung ist jetzt in etwa Halbzeit. Doch die Gefahr nehmen bis heute diejenigen am wenigsten wahr, die ihr am nächsten sind. Dazu zählt Rainer Felsch. Der 60 Jahre alte Bergmann ist Vorarbeiter einer Maschinen-Staffel und arbeitet seit 40 Jahren im Betrieb. "Wir fahren das Gestein von der Halde wieder in das Tagebauloch", erklärt er und klettert die Leiter eine der so genannten Mulden hoch. Die Transporter sehen aus wie überdimensionierte Sandkasten-Laster. Die Oberkante der Reifen lässt sich nicht fassen, ohne auf jemandes Schultern zu steigen. "Die Muldenkipper können 136 Tonnen Nutzlast transportieren", schwärmt Felsch. Er schwingt sich auf den Sitz und hantiert an Hebeln. "1300 PS, das ist was ganz anderes als die sowjetischen Krass-Kipper von früher. Die haben nicht mal ein Zehntel der Last gepackt."

Die Fahrerkabine schaukelt, als ein überdimensionierter Bagger mit dumpfen Rumpeln ein paar Schaufelladungen schwarz-grauen Schutts auf die Ladefläche füllt. Dann setzt sich Felschs Mulde in Bewegung. Aus den Fenstern blickt er auf eine Mondlandschaft aufgerissener Erde. Öffnen lassen sie sich nicht. Ein Überdrucksystem verhindert, dass die Männer radioaktiven Staub einatmen. Felsch taucht mit seiner Maschine in ein Loch ab, den ehemaligen Tagebau Lichtenberg. "Das war mal 240 Meter tief", sagt er. "Wenn man den Berliner Fernsehturm in das Loch gestellt hätte, hätte man vom Café aus nicht über den Rand hinaus geblickt."

Mit lautem Prasseln kippt Felsch die steinige Ladung aus und es scheint, als hätte er nur eine Sandkastenschaufel voll gebracht. Die vielen Tonnen verschwinden in der Geröllwüste. Schon 13 Jahre geht das so. In diesen Tagen fahren Felsch und seine Kollegen den 100 Millionsten Kubikmeter Haldenmaterial in den Tagebau. Unter Tage ist die Sanierung abgeschlossen. "In drei Jahren wird aus dem Loch ein kleiner Hügel geworden sein", sagt Felsch. Ein Teil der einstigen Uran-Wüste soll zum blühenden Garten werden - bis 2007 entsteht hier die Bundesgartenschau. Noch mehr als zehn Jahre wird es dauern, bis die nahe gelegenen radioaktiven Schlämmteiche trocken gelegt und abgedeckt sind. Dann kann der Wind den Krebs erregenden Staub nicht mehr in die Landschaft blasen. "Früher ging es anders herum", sagt Felsch. Er wendet und fährt über das von einer Raupe planierte Geröll. "Hier unten wurde das Gestein gebohrt, geschossen und dann auf Kipper geladen", erläutert er. "Zunächst kam es auf die Erzhalden und dann in die Aufbereitungswerke nach Seelingstädt und Crossen. Wie das dort technologisch abgelaufen ist, da hatten wir keinen Einblick." Das hielt die 1954 gegründete Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft (SDAG) Wismut geheim. Uran war zu wichtig für das atomare Wettrüsten im Kalten Krieg.

Die Lagerstätten in der DDR waren die ersten Minen im Einflussbereich der Sowjets, von dort kamen zeitweise bis zu drei Viertel ihres Urans. Die Russen scheuten keinen Aufwand, das spaltbare Material zu gewinnen. Sie machten den deutschen Arbeiter- und Bauernstaat zum drittgrößten Uranproduzenten der Welt nach den USA und Kanada. Knapp eine Viertel Million Tonnen Uran in Deutschland förderte die Wismut, genug für 90 000 Atombomben, sagen Experten.

 "In Ronneburg gab es Jahrhunderte lang ein radioaktives Heilbad, da fingen die Russen als erstes an zu suchen", erinnert sich Felsch. Auch in Silberbergwerken im Erzgebirge wurden ihre Geologen fündig.

Von den 27 Lagerstätten erwiesen sich die in Ronneburg und im sächsischen Niederschlema als die ergiebigsten. Sowohl in unterirdischen Stollen als auch im Tagebau schürften von den frühen fünfziger Jahren an Tausende Arbeiter das radioaktive Gestein - erst als Zwangsarbeiter, später lockten die Sowjets mit Vergünstigungen.

Die Ausbeute war trotz des enormen Aufwands gering. "Pro Tonne Gestein ließen sich in der Regel 0,1 bis 0,7 g Uran gewinnen", sagt Felschs Vorgesetzter Günter Ackermann. "Die Tätigkeit der SDAG Wismut trug niemals kommerziellen Charakter. Das von der Wismut produzierte Uran hatte strategische Bedeutung", erklärte der damalige sowjetische Atomenergieminister Vitali Konowalow im Jahr 1991, als die Firma in den Besitz des Bundes überging.

Die Gesundheit der Arbeiter stand beim Uranbergbau nie im Vordergrund. Einer der Wismut-Verlierer ist Andreas Köhler. Seine blauen Augen blicken unternehmungslustig, auf den ersten Blick erscheint er vital, und ist doch schwer behindert. "In den 12 Jahren in den Uran-Minen habe ich eine Strahlen-Dosis von knapp 2000 Millisievert abbekommen", krächzt der 45 Jahre alte ehemalige Hauer. "Das ist das Fünffache einer normalen Lebensdosis." Er ist kaum zu verstehen, seine Stimme klingt, als hielte er sich die Nase zu. Die Ärzte haben ihm Teile aus Mund- und Nasenhöhle geschnitten. Diagnose: Krebs. "Das Essen und Trinken fällt mir schwer - für ein Brötchen brauche ich eine dreiviertel Stunde", sagt Köhler. Immer wieder muss er beim Sprechen Pausen machen, um sich nicht zu überanstrengen. Als er die Ärmel hochkrempelt, kommen Narben von Hauttransplantationen zum Vorschein. "Ich muss immer noch einmal die Woche zur Chemotherapie, schlimmstenfalls so lange ich lebe, hat der Arzt gesagt."

Mehr als 25 000 Wismut-Kumpel machte die Arbeit krank. Die meisten erkrankten an einer so genannten Staublunge oder an Lungenkrebs auf Grund der hohen Konzentration des radioaktiven Radongases in den Schächten. Wer wie Köhler Krebs nicht zuerst in der Lunge, sondern an anderen Körperstellen bekamen, dessen Leiden wurde nicht als Berufskrankheit anerkannt. Mehr als 2000 seien betroffen, berichtet der Verein Atomopfer e.V.. "Dabei beweisen ärztliche Gutachten, dass die Tumore von der Strahlung verursacht wurden", sagt Köhler und lehnt sich entrüstet in die Couch in seiner Geraer Stadtwohnung zurück. Eine gelbe Plüschente lässt den Kopf über die Lehne hängen.

Köhlers Wut richtet sich gegen die Berufsgenossenschaft, nicht gegen die Wismut. Die Arbeit dort war sein Leben. "Da unten musste man sich hundertprozentig auf den anderen verlassen können." Gerne erinnert er sich, wie er im dunklen Stollen stand und stets nur der Ausschnitt im Lichtkegel der Stirnlampe zu erkennen war. "Frisch geschossener Lederschiefer riecht ein bisschen wie verfaulte Eier", sagt Köhler. "Das nasse Gestein wie Regen."

Nicht nur der Bergmann-Stolz, auch die Wismut-Privilegien machten die Arbeit attraktiv. Felsch erinnert sich: "Man schneller kam schneller zu einem PKW, einer Badewanne oder einer Kur." Die Wismut glich einem Staat im Staate. Sie hatte den Status eines DDR-Bezirks mit eigenem Gesundheitswesen und Handelsunternehmen. Sogar eigene Nummernschilder gab es. Nicht immer profitierten alle von den Vorteilen. Köhler erzählt: "Wir kamen immer sehr spät von der Schicht - da waren Bananen und Apfelsinen in der Kantine längst weg."

Nach der Wende begegneten viele Menschen den Wismut-Kumpeln nicht mehr mit Respekt, sondern mit Misstrauen. "Es kamen einige Sachen ans Licht und das Bedürfnis der Bevölkerung war sehr groß, über die Wismut mehr zu erfahren", sagt Ackermann. Eine Sondereinheit der Staatssicherheit hatte Schäden und Gefahren des Uranbergbaus geheim gehalten. Die Wismut wurde militärisch geführt. Beruflich aufsteigen konnte nur, wer SED-Mitglied war.

Zur Verunsicherung trug in den 90ern bei, dass Westdeutsche ins Unternehmen kamen und die Arbeit der Wismutler in Frage stellten. "Denen mussten wir erstmal beweisen, dass wir nicht auf der Wurstsuppe her geschwommen sind", sagt Felsch und verletzter Stolz schwingt in seiner Stimme mit. Mittlerweile haben sie die Experten aus den alten Bundesländern überzeugt. "Heute sind wir die Lehrenden", meint Felschs Chef Ackermann. Die bei der Sanierung entwickelte Technologie soll künftig bei der Umwelt-Sanierung in Osteuropa zum Einsatz kommen.

Nach den überstandenen Spannungen droht nun das Schlimmste: "Je erfolgreicher wir arbeiten, desto schneller sind wir unseren Job los", sagt Ackermann. Ein Jahr soll es dauern, bis die ersten zwei busenförmigen Halden weg sind. Dann kommen die anderen beiden dran und bald darauf werden die letzten Narben der Landschaft beseitigt sein. Für die heute2400 Beschäftigten bedeutet das Arbeitslosigkeit oder Frührente.

 "Irgendwann wird die Wismut vergessen, schon meine Enkel werden kaum mehr wissen, dass es die Wismut gab", sagt Felsch. "Das ist der Lauf der Zeit." Viele stimmt das wehmütig. Wismut-Opfer Köhler betrachtet in seinem Wohnzimmerregal seine Sammlung von Matchbox-Lastern. "Nach der Wende habe ich als Lkw-Fahrer gearbeitet und Asche transportiert. Damit wurden die von uns gegrabenen Stollen saniert, also wieder zugeschüttet", sagt er. "Das hat mir sehr Leid getan."

11. Juni 2004
Wir danken dem Autor für die Möglichkeit der Veröffentlichung auf unserer Homepage. M.Löffler,1.Vorsitzender Atomopfer e.V.


 

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